Andachten

WEIHNACHTEN MÖGEN

Ich mag Weihnachten.
Als bekennender Weihnachtsfreund hat man es nicht leicht. Denn man erntet schräge Blicke: Kommerzialisierung, Spendenmarathon, Überfrachtung mit Emotionen … – um nur einige Beispiele zu nennen.
Ich behaupte ja nicht, dass das Fest, so wie es viele derzeit feiern, unproblematisch wäre. Ich kenne Gespräche mit Kindern, die ihren Wunschzettel schreiben und das eher für eine Bestellung halten. Ich kenne die Enttäuschung, die das Fest auslösen kann, wenn es sich wieder einmal nicht das erfüllt hat, was man sich darunter vorgestellt hat. Ich kenne auch Leute, die sich vor dem Abend geradezu fürchten, weil sie keine Familie haben, zu der sie gehen können oder die sie besuchen will. Und dann ist da noch der Schmerz all jener, die besonderes an diesem Abend spüren, was sie verloren haben – im vergangenen Jahr oder irgendwann
in ihrem Leben. Es gibt so vieles, was einem gerade in dieser Zeit dünnhäutiger werden lässt, als zu anderen Zeiten.

Ich mag Weihnachten.
Ja, wir spüren die Verletzlichkeit und die Verletzungen des Lebens in diesen Tagen deutlicher. Ja, die Meldungen über Leid werden in dieser Zeit zu oft missbraucht. Und ja, das Fest droht zu einem Fest des Einzelhandels und der großen Verkäufer zu verkommen. Und doch ist die Bereitschaft, in dieser Zeit aufeinander zuzugehen, sich zu treffen, zu reden, größer. Diese Sehnsucht, dass hinter all dem Materiellen, das man besitzt oder vermisst, noch etwas anderes sein möge. Und die Hoffnung, dass die Beziehungen zueinander noch eine andere Dimension haben. Dass es wirklich Gemeinschaft gibt. Immerhin einmal im Jahr schaut man sich in die Augen. Das mag ich an Weihnachten. Wenigstens in dieser Zeit sind wir bereit, die Masken ein wenig zur Seite zu schieben, das Visier zu öffnen. Das ist nicht viel, aber es ist ein Anfang. Ich, für meinen Teil, habe jedenfalls vor, mit Freunden Glühwein zu trinken und vielleicht möglicherweise ab und zu, einen Fremden anlächeln, ein gutes Wort für irgendwen bereit haben, über meinen Schatten springen … und mich vom Nieselregen nicht abhalten lassen, mich des Lebens zu freuen.
Ganz im Sinne von Carl Valentin: „Ich freu mich, wenn`s regnet, denn wenn ich mich nicht freu, regnet es auch …“ Aber vielleicht schneit es ja auch. Und vielleicht begegne ich gerade in diesen Tagen und Wochen Menschen, die mir etwas Gutes zu sagen haben. Ich will meiner Sehnsucht trauen.

Ich mag Weihnachten.
Mit allen guten Wünschen für eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit, für einen getrosten Jahreswechsel und ein friedvolles neues Jahr grüßt sie im Namen der Blättchenredaktion
Ihre Pfarrerin Carmen Kindler.

(entnommen dem Gemeindebrief der Gemeinde Dezember 2016 bis Februar 2017)

 

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